Wie startet man ein Flugzeug?

Back1 August 2017

Unheimlich viele Leute sagen, dass sie den Start und Turbulenzen extrem schlimm und beängstigend finden. Ich als Pilot kann das nicht von mir behaupten (wär ja auch schade...  ;) ), so ein Start erledigt sich quasi von alleine und Turbulenzen sind für mich schlimmstenfalls lästig.

Zu Turbulenzen habe ich schon etwas geschrieben, aber vielleicht sollte der Start mal beleuchtet werden...

Was passiert da eigentlich? Was machen die da vorne eigentlich? Woher wissen die, wie sie es machen müssen?

Nun, wie gesagt, einen Flieger in die Luft zu bringen ist aus Pilotensicht Kinderkram. Die Landung ist weitaus fordernder.

Gehen wir's mal durch:

Bevor irgendwas mit dem Flieger passiert, laufen mehrere Leute unabhängig voneinander um ihn herum und sehen nach, ob z.B. alle Türen, Klappen und was sonst noch alles am Boden geöffnet wird geschlossen ist. Es wird nachgeschaut, ob noch irgendwo rote Fahnen herum wedeln. Die sind üblicherweise beschriftet mit "REMOVE BEFORE FLIGHT", was alles aussagt. Nur am Bugrad dürfen noch solche Fahnen zu sehen sein. Ist alles klar, geht's los:

Der Flieger wird vom Gate mit einem Schlepper rückwärts in eine Position geschoben, von der aus er selbstständig vorwärts rollen kann; das nennt man "Push Back". Während dessen werden die Triebwerke angelassen, und für jedes Triebwerk muss überprüft und bestätigt werden, dass es stabil läuft, dass also alle Parameter stimmen.

Derweil hat die Boden-Crew den Flieger an der Position abgestellt, die "REMOVE BEFORE FLIGHT"-Fähnchen am Bugrad entfernt, und zeigt eben diese Fähnchen nun dem Piloten. Der gibt als Antwort Handzeichen, es erfolgt das obligatorische Winke-Winke, und die Maschine rollt los Richtung Startbahn.

Währenddessen werden im Cockpit Checklisten abgearbeitet. Es werden Landeklappen gesetzt, ein elektronischer Brems-Assistent wird auf "RTO" ("Rejected Take Off") geschaltet, damit das Flugzeug im Falle eines Start-Abbruches selbsttätig bremst; die Navigationsrechner, die sog. "Flight Management Computer", kurz "FMC", drei an der Zahl, werden nochmal überprüft. Diese Computer haben anhand des Gewichtes des Flugzeuges, der Startbahn und ihres Zustandes (trocken/nass), des Windes und mehrerer anderer Faktoren das Setup für den Start haarklein ausgerechnet. Der Pilot hat genau das vorher auch schon von Hand getan und kann nun aus mehreren möglichen Varianten wählen.

Kurz vor der Startbahn hält der Flieger an. Vielleicht sind gerade noch landende Flieger im Anflug; die haben Vorrang. Vielleicht hat die Kabine sich aber auch noch nicht fertig gemeldet.

Aber dann rollt der Flieger auf die Bahn, richtet sich aus, und irgendwann geht es los.

Die Triebwerke heulen auf, erst moderat, dann "Volle Kanne".

Das Flugzeug legt eine im Wort-Sinne atemberaubende Beschleunigung hin und hebt schließlich ab.

Im Cockpit geschieht derweil folgendes:

Die Maschine ist aufgerollt und ausgerichtet. Der Tower gibt die Startfreigabe.

Je nach Flugzeugtyp fährt der Pilot jetzt die Triebwerke auf eine vorgeschriebene Leistungs-Stufe und wartet ab, bis sie sich dort stabilisiert haben.
Anschließend übergibt er dem Computer die Kontrolle über die Triebwerke, der sie auf Startleistung hochfährt.

Während der Flieger die Bahn entlang flitzt, werden die Geschwindigkeits-Anzeigen abgeglichen. Vorgegebene Geschwindigkeits-Stufen werden durchlaufen, unter anderem "Vr". Bei Vr kann abgehoben werden.

Der Flieger hebt ab.
Die Computer stellen die Grenzwerte, die nicht über- oder unterschritten werden dürfen, auf den Cockpitanzeigen dar und würden sofort Alarm und Gegenmaßnahmen auslösen, wenn dies doch geschieht.

Das A und O im Steigflug ist die Geschwindigkeit; sie darf nicht zu niedrig sein. Das weiß jeder Pilot. Aber das Flugzeug, bzw. dessen Computer, wissen das auch. Ein modernes Flugzeug im Steigflug zu überziehen und so in eine zu geringe Geschwindigkeit zu bringen, geht nur mit Vorsatz. Idealerweise lässt man als Pilot die Maschine einfach so steigen, wie sie will.

Unter Piloten gibt es das geflügelte Wort: Höhe ist Leben!

Je höher Du bist, desto mehr Optionen hast Du. Also lassen wir den Vogel schnell auf Höhe kommen. Das hat viele Vorteile, u.a. auch den, dass früher mit dem Service begonnen werden kann.

Man bringt also das Flugzeug schnell vom Boden weg. Hat man eine gewisse Höhe erreicht, kann der Steigwinkel verringert werden.Dafür kann die Geschwindigkeit erhöht werden; man will ja voran kommen.

Unbestritten: der Start kann sich für einen Passagier unangenehm anfühlen. Hier wirken massive Kräfte auf den Flieger ein, das ist aber auch gut so. Der Flieger ist aber dafür gebaut. Der steckt das klaglos weg.

Ja, so ein Start kann unangenehm sein. Aber er ist eines ganz bestimmt nicht: gefährlich.